wolfenstein_feature Test

Wolfenstein – The New Order


Ich zitiere mich mal dreist selbst: „Wolfenstein. Das ist nicht einfach nur ein Spieltitel, sondern ein Establishment, dass Spiele und vor allem Shooter geprägt hat. Der Urvater aller First Person Shooter sozusagen.“ Das war direkt nach meiner Hands-On Vorschau auf der Gamescom 2013. Jetzt flimmert gerade der Abspann über den Schirm und was soll ich sagen… eine Sache hat Wolfenstein mit seinen vorherigen Teilen gemeinsam. Wegweisend ist es nicht.

Äch bin wiedärr daaa!!

Verzeih den kleinen Ausbruch, in Deutschland werden natürlich weder Nazis und schon gar nicht Hitlers Schergen erwähnt oder abgeknallt. Warum und weswegen hast Du sehr wahrscheinlich schon auf allen anderen Kanälen gelesen, kann ich mir also an dieser Stelle sparen. Wenn Du jetzt erstmal nur Bahnhof verstehst, dann noch besser, da es unerheblich ist, ob man auf Regime Soldaten oder Nazis ballert. Wolfenstein hat andere Werte. B.J. Blastkowicz, der Held aller Wolfenstein Spiele ist zurück und diesmal geht es um die Wurst. Was hat er nicht schon alles getan um das Regime zu stürzen. Hat einen Hitler-Roboter erledigt, einen Germanischen Möchtegern-Gott in seine Schranken gewiesen und selbst eine Parallelwelt wurde von ihm vor dem Regime gerettet.. jetzt fehlt nur noch einer auf der Liste: General Wilhelm „Totenkopf“ Strasse. Der führt in seinem imposanten Turm fiese Experimente an Menschen durch und forscht munter an Waffentechnologie, die die ganze Welt bedroht. Der Plan geht allerdings nicht auf, Totenkopf ist ein ziemlich fieses Stück Scheiße und unser Held Respektive der Spieler landet im Koma. Schnitt. 14 Jahre Später. Das Regime hat gewonnen und die gesamte Welt erobert, kann B. J. Blaskowitsch den Arsch fest genug zusammenkneifen und Totenkopf endgültig erledigen?

Kriegsmüde Hunde im Hamsterrad

Klingt doch nach schöner Hirn-aus-Krach-Bumm-Action. Ran an die Minigun oder am besten ein fettes Maschinengewehr in jeder Hand und schon geht das spritzig-spratzige Niedermähen los, dass die Hirnbröckchen wie perverses Konfetti durch die Szenerie fliegen. Stimmt sogar fast, aber gleichzeitig legt das Spiel einen überraschend ernsten und melancholischen Ton auf. Trotz aller überdrehter Super-Nazi… verzeih, Super-Regime-Maschinensoldaten und Panzerhunden, sieht und hört man es Blaczkowic von der ersten Minute an an. Er ist des Krieges müde und will nur noch in den wohlverdienten Ruhestand. Ein letzter Kampf, dann ist alles vorbei. Das ist kein frisch gebackener Held der liebend gern immer wieder aufs Neue die Welt retten möchte. Blazkowitz hatte alle Schlachten bereits geschlagen. Immer wieder aufs Neue. In Gewisserweise eine Analogie auf das gesamte Shooter Genre. Jeder stürzt sich immer wieder erneut in die Schlacht, weil hinter jedem Abspann ein neuer Superschurke darauf wartet seinen Platz einzunehmen. Ermüdend.

Also nochmal alles geben. Ein letztes Mal… und diesmal so richtig. Stand offenbar so auf dem ersten Flipchart der Wolfenstein Entwickler aus dem Schwedischen Uppsala (kein Witz!). Machine Games geben ihr Debut mit Wolfenstein ab, bestehen aber aus Veteranen des Genres die bereits Titel wie Riddick und The Darkness geschaffen haben. Und die Mädels und Jungs von Machine Games haben sich die Konkurrenz und Platzhirsche ganz genau angesehen. So gibt es in Wolfenstein – The New Order, so der vollständige Titel, eine große Geschichte, viele Zwischensequenzen, einiges an Knöpfchen-Drückerei, Schlauchlevel-Shootouts, Open Area Abschnitte, optionales Schleichen, zig Knarren mit alternativem Feuermodus und natürlich Bosskämpfe. Einmal Alles mit Allem und Allem oben drauf. Mittendrin William Joseph „B.J.“ Blazkowicz. Der Methusalem der Shootergeschichte.

Da ist noch Feuer in der Hüfte

Spontan fällt mir kein älterer Held der Shooterwelt ein, der heute noch aktiv ist. Der Duke ist raus, da vor Duke3D der titelgebende Mr. Nukem noch ein Jump’n’Run war (nicht mal schlecht, übrigens!). Satte 22 Jahre lang kämpft B.J. Blazekowitz jetzt schon im zweiten Weltkrieg gegen zahllose Schergen, Zombies, Maschinenwesen, Germanische Götter und wahnsinnige Wissenschaftler. Dabei hatte jeder Wolfenstein Titel bisher (wundere Dich nicht: The New Order ist der erste Titel, der offiziell in Deutschland erschienen ist!) eine andere Thematik. Musste man in Wolfenstein 3D (1992) noch ganz klassisch einen Hitler-Kampfroboter (sic!) zur Strecke bringen , so bekam man es in Return to Castle Wolfenstein (2001)  mit einer Zombiearmee und einem zum Germanischen Gott aufgestiegenen Heinrich Himmler zu tun. Das 2009er Wolfenstein hat uns dann noch ein wenig mehr Magiequatsch und einen Ausflug in eine parallele Dimension beschert. Hier knüpft The New Order an.. stellt aber erstmal alles auf Anfang. Billie Jean Blastkonzertz ist wieder ein normaler Soldat ohne Magie-Schischi aber mit ordentlich Feuerkraft. Ein paar Tricks hat er auch noch gelernt, so kann sich Blakkowitsch jetzt elegant um die Ecke beugen (wahlweise auch automatisch, was durch viel zu kleine Symbole angezeigt wird) und zwei fette Knarren gleichzeitig tragen. Allerdings nur identische Bleispritzen… bzw Raketenwerfer oder Scharfschützengewehre. Richtig gelesen… zwei Scharfschützengewehre … gleichzeitig. Läuft!

Nur Rührei im Kopf

Hey… das ist jetzt ein Zitat aus dem Intro. Tatsächlich, muss man aber nicht die hellste Kerze auf der Torte sein um Wolfenstein spielen zu können. Ganz wie in Call of Duty gibt es zwar viel zu tun, aber meist nur eine Taste um etwas auszuführen. Türen öffnen, Maschinen aktiveren, Fahrstühle bedienen, ein Tablett mit Kaffee ablegen, eben genanntes wieder aufheben, die helfende Hand greifen… immer die selbe Taste. Da ich selbst aber keine Idee hab, wie man sowas anstellt, ohne aus jeder Kleinigkeit ein Logikpuzzle zu machen, lassen wir das mal als „Genre Standard“ so stehen. Wer da eine Idee im Kopf hat, die das Pacing eines Actiontitels nicht groß beeinflusst, aber das „Knöpfchen-drücken“ etwas abwechslungsreicher gestaltet, darf es gern in die Kommentare schreiben. Alternativ könnte man sowas auch einfach automatisch ablaufen lassen. Wie auch immer. Aber das etwas stumpfe Drück-den-Knopf passt auch irgendwie zu B.J. Blassowitzs Statur. Ein breitschultriger Hüne mit markantem Kinn, der es ganz offenbar allein mit jeder Armee aufnehmen kann. Da wir aber im Zeitalter der nicht ganz so strahlenden Helden angekommen sind, haben Machine Games ihrem Helden tatsächlich eine gewisse Tiefe in seinen Monologen gegeben. Obwohl sowas sehr fix nach hinten los gehen kann, funktioniert die Sache aber überraschend gut. Was mit unter an den sehr guten Sprechern der deutschen Version liegt. Klar hat man noch etwas mehr Atmosphäre in der Originalversion, aber dazu kommen wir etwas später in diesem Artikel. Ja… der strahlende Held ist nach seinem 14-jährigen Koma in einer dreckigen Welt aufgewacht. Eine Welt in der der Zweite Weltkrieg ganz anders ausging, als wir es so kennen.

Hail Steampunk

Riesige Kampfroboter streifen durch die Straßen. Die Hauptstadt Berlin ist ein protzig-geometrischer Beton-Dschungel, der von Hochmut nur so trieft. Gleiches gilt für die Regime Soldaten, die durch die Straßen ziehen und sich nehmen was sie wollen. Spätestens nach dem ersten Treffen muss man sie einfach hassen. Allein der Antagonist Totenkopf ist ein unglaublich widerlicher Drecksack und man freut sich ab der ersten Minute darauf, ihn zu erledigen. Später trifft man noch auf andere Spießgesellen wie eine Gewisse Frau Engel. Aber, jegliche Beschreibung dieses blonden Stücks Scheiße und ihren Kumpanen würde nur unnötig Spoilern. Entdeckt es einfach selbst. Ansonsten durchstreift der Spieler in der Haut von B.J. Blaskowicz so ziemlich alles, was man heutzutage nun mal so durchstreifen sollte. Dreckige Vororte, saubere fast sterile Betonpaläste, eine Burg, ein Konzentrationslager, ein U-Boot, ein notdürftig zusammengehämmertes Basiscamp der Rebellen und sogar ein Abstecher auf den Mond ist auf der Reiseroute zum Finale. Während aber gerade die Städte durch imposanten und eigenständigen Grafikstil, der an die Verfilmung von Robert Harriss’ grandiosen Roman Vaterland erinnert, fallen die Abstecher ins U-Boot und auf die Mondbasis deutlich ab. Zu generisch futuristisch wirkt hier alles.. so dass ich auf Screenshots vermutlich nicht mal unterscheiden kann ob ich nun auf dem Mond bin oder unter der Wasseroberfläche und in welchem Spiel das überhaupt gerade ist. Lediglich die deutsche (und meist korrekt übersetzte) Beschriftung deutet auf dieses Spieluniversum hin. Wären die aber weg, könnte ich wirklich nicht sagen in welchem Spieluniversum ich mich gerade in einem Labor, Raumschiff, U-Boot oder so befinde. Gerade beim U-Boot vermisse ich dieses beklemmende Gefühl von vielen kleinen unübersichtlichen Gängen.

Action Achterbahn

Alle Settings setzen streng genommen eine Sache voraus. Einen durchtrainierten Zeigefinger, denn zwischen Startpunkt und Ziel warten zig Gegner der unterschiedlichsten Härtegraden. Dazwischen die Kommandaten, welche, solang noch am Leben Alarm schlagen und eine Gegnerwelle nach der nächsten auf den Spieler hetzen. Erst wenn der Kommandant am Boden liegt, verebben die Gegnerwellen und der Spieler kann sich ans effektreiche Ausknipsen machen. Sehr gute Idee und etwas, dass ich im kommenden Call of Duty gern sehen würde. Wer es nicht immer extrem laut möchte, dem bietet Wolfenstein immer mal wieder die Möglichkeit an sich durch die Level zu schleichen und die Gegner möglichst Leise nacheinander auszuknipsen. Leider stehen viele direkt mit dem Rücken zum Spieler und betteln förmlich darum. Nicht der eleganteste Weg zum Schleichen zu motivieren, aber immerhin fast immer optional. Wer doch lieber blutige Schneisen durch die Reihen der Feinde rotzen möchte, ist weiterhin herzlich dazu eingeladen.

Welches Schweinerl hättens gern?

An Ende des Prologs, wenn man Totenkopf eigentlich schon maximal die Scheiße aus dem vernarbten Schädel kloppen möchte, stell er den Spieler von eine Entscheidung, die den Spielverlauf verändert. Totenkopf gibt dem Spieler die Wahl darüber, welchen seiner beiden Begleiter er für seine Versuche nehmen soll. Auf der einen Seite den wortwörtlich blauäugigen Grünschnabel Wyatt und auf der anderen Seite den zähen Veteran Fergus. Je nachdem wie man sich entscheidet, verfügt man im Spiel nicht nur über entweder etwas mehr Lebensenergie oder Panzerung, sondern bekommt auch eine von zwei Fähigkeiten (Schlösser knacken oder Tastenfelder kurzschließen) die unterschiedliche Levelabschnitte bzw Abkürzungen ermöglichen. Zusätzlich ändert sich der Tonfall des Spiels, allerdings braucht man jetzt kein komplett neues Spielgefühl erwarten. Bringt ein erneutes Durchspielen überhaupt etwas? Jein… Wolfenstein bleibt Wolfenstein, egal wie man sich entscheidet. Das Gameplay wird nicht angetastet, jedoch, wenn man alle Collectibles sammeln und Errungenschaften erreichen möchte führt kein Weg daran vorbei. (Gleichzeitig macht das Spiel aber auch zweimal einen Mordsspaß ;- ) )

Nazi-freie Zone oder die Sache mit der Swastika

Kommen wir doch zum Abschluss noch zum aktuellen Zankapfel: die Zensur der Deutschen Wolfenstein – The New Order Version. Wie es nun mal so ist, ist Wolfenstein traditionell ein Spiel in dem man gegen Nazi Schergen ins Feld zieht. Das ist kein Geheimnis. Allerings ist es bei uns so, dass gerade Symbole des dritten Reichs, nicht nur die als Hakenkreuz bekannte Swastika, weniger gern gesehen werden. Auch sonst werden verweise wie diverse „Grußformeln“ und Bezeichnungen nicht gern gehört (Anm. d. R.: Natürlich werden derartige Sachen nicht nur „nicht gern gesehen oder gehört“, tatsächlich gibt es in solchen Fällen eindeutig formulierte Paragraphen des deutschen Strafgesetzbuches die eingehalten werden). Daher haben sich Machine Games und Bethesda die Mühe gemacht um extra eine Deutsche Version des Spiels zu produzieren. Jegliche Symboliken wurden durch alternative Symbole ersetzt und nicht rausgekürzt. Die Tonspur wurde komplett mit professionellen Sprechern eingesprochen, damit auch hier ja keine Missverständnisse auftreten können. Der Aufwand der hier betrieben wurde, nur damit wir hier in Deutschland in den Genuss dieses Spiels kommen ist recht hoch und verdient Beachtung, obwohl an der Abmischung unbedingt noch gepatcht werden muss. Die Stimmen sind oft kaum zu verstehen. Kommt mir jetzt nicht mit „meh, nicht nur Deutschland… Österreich auch“… nein! Österreich kann ganz entspannt auch die Internationale Version des Spiels kaufen und installieren. (Informationsstand: 26.05.2014)
Zensur hin oder her… das Problem ist, dass Videospiele hier bei uns noch nicht als Kunst, wie zum Beispiel das Medium Film, angesehen werden, sondern noch schnöde als Software. Sprich Wolfenstein mit Hakenkreuz ist vor dem Gesetz wie ein Office Programm, dass dem User statt des Büroklammer-Helferlein einen kleinen Hitler samt Armbinde, der dem Benutzer die TOTALE RECHTSCHREIBPRÜFUNG anbietet, aufdrängt. Überspitzt formuliert.

Fazit

Machine Games machen, auch wenn sie sich ganz deutlich von der Konkurrenz inspirieren ließen, kaum etwas falsch in dem Spiel. Die Action ist brachial, laut und effektreich, der Soundtrack ist erste Sahne und die Sprecher geben alles um für Atmosphäre zu sorgen. Lediglich offenbare Probleme beim Abmischen des Sounds und hier und da eine abrupt endende Zwischensequenz reißen einen dann aus dem Spielerlebnis raus. Nix was man nicht patchen könnte. Böse Zungen behaupten, dass Wolfenstein einfach zu viel Action bietet… aber, ich bitte Dich… wenn man mit zwei fette Knarren gleichzeitig seine Gegner in Bröckchen ballern kann… davon kann man nicht genug bekommen! Gleichzeitig bekommt B.J. Blazkowicz aber eine angenehme Portion Tiefe verpasst, damit man (endlich wieder) eine Identifikationsfigur in einem Shooter bekommt.
Wolfenstein: The New Order erfindet das Shooter Rad nicht neu, ist sogar erstaunlich nah an der Konkurrenz, allerdings mit einer durchgehend hohen Qualität. Es gibt, und das sage ich voller subjektiver Überzeugung, keinen nennenswerten Tiefpunkt. Nur brachiale und wuchtige Action nonstop (nicht zu verwechseln mit Fließband-Action). Ach übrigens… Medipacks regenerieren die Lebensenergie und nicht „in der Ecke hocken“. <3


Meine Wertung

Final Thoughts

Wolfenstein: The New Order erfindet das Shooter Rad nicht neu, ist sogar erstaunlich nah an der Konkurrenz, allerdings mit einer durchgehend hohen Qualität. Es gibt, und das sage ich voller subjektiver Überzeugung, keinen nennenswerten Tiefpunkt. Nur brachiale und wuchtige Action nonstop (nicht zu verwechseln mit Fließband-Action). Ach übrigens... Medipacks regenerieren die Lebensenergie und nicht "in der Ecke hocken". <3

Overall Score 4.5 Supergut

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Los jetzt <3

4 Kommentare zu Wolfenstein – The New Order

  1. Lisa Casualty

    Klingt doch schon mal gut, werde es mir dann dieses Jahr noch mit der PS4 holen. Nur noch ein bisschen Geduld… 😀

    • Ja schnell schnell bevor Call of Duty Advanced Wardingsbums kommt und (im Idealfall) alles wegrockt 😉 … wie die PS4 Version von Wolfenstein ist, kannst Du sicher die Zimmy fragen

  2. Sebastian Fackin Herrmann

    Ich liebe es! 😀 Ich hatte die US Version! 😀 Aber kann se nimmer zocken 🙁 Werd se mir nochmal in der AT/DE Version holen^^ Es lohnt sich einfach…der beste Shooter seit Jahren!
    Micha das ist mal wieder großartige Arbeit von dir! Danke fürs Spielen und die Arbeit am Text! 🙂

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