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Until Dawn


Man kann von ihnen wahrlich halten, was man möchte – doch wegzudenken aus unserer cinegraphischen Historie sind sie nicht: Die Teenie-Slasher-Filme. In der Bezeichnung eher umständlich weiß doch jeder, was gemeint ist – Klassiker wie beispielsweise die ewigwährende Scream-Reihe sind wirklich jedem geläufig. Und da kommt die Überlegung nicht von ungefähr, dass was auf der großen Leinwand funktioniert, auch interaktiv in der Videospielwelt umgesetzt ein Kassenschlager sein könnte.

Mal sehen…welche Zutaten brauchen wir also? Ein paar ausgesprochen ansehnliche Collegeabsolventen die nicht zwingend durch den unnötigen Ballast einer tiefgründigen Persönlichkeit beeinträchtigt werden sollten, spendable Eltern die ihre Sprösslinge auf einen unbeaufsichtigten Urlaubstrip in eine abgelegene Skihütte schicken und dann… den bösen Axtmörder!

Klingt jetzt unheimlich nach Klischee? Na Gratulation! Genau das wird hier nämlich auch in all seiner banalen Grandiosität zelebriert!

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Denn obwohl Until Dawn sich geradezu genüsslich in jedem stereotypischen Rollenbild suhlt, schafft es das Spiel vielleicht gerade deshalb, uns am Ende doch zu überraschen. Zunächst aber einmal zu unseren Charakteren: Natürlich gibt es die blonde Cheerleaderin mit dem dazu passenden Sportstipendium-Spacko, den Computer-Nerd (hier aber nicht Modell übergewichtiger WOW-Nerd!) und die hochintelligente Musterschüler-Asiatin. Diese Ami-Movie-Standardbesetzung schafft es zunächst nicht wirklich, uns großartig emotional an sich zu binden – zu austauschbar, zu belanglos scheinen die einzelnen Personen.

Was sich da aber alles in den rund 10 Stunden Spielzeit verändern kann… und wird.

Denn auch wenn wir uns eingangs schon fast darauf freuen, die einzelnen Charaktere nach einander weg semi-absichtlich sterben zu lassen, so wird sich das Blatt im Laufe der Zeit wenden und es entsteht eine echte Verbindung zu den einzelnen Figuren. Nicht nur gibt Until Dawn sich wirklich Mühe, uns die einzelnen Protagonisten, in deren Rolle wir immer abwechselnd schlüpfen – mit ihrer Geschichte näher zu bringen, nein – auch die Darstellung ihrer gefühlsmäßigen Regungen macht es uns leicht, ihnen all ihre Angst und Verzweiflung nachzuempfinden. Eine hervorragende Gesichtsanimation – gekoppelt mit den schauspielerischen Vorbildern für noch mehr Realismus – tut hier für die Stimmung wirklich gute Dienste.

Ähnlich wie bei den Charakteren bereitet uns die Rahmenhandlung des Spiels anfangs fast körperliche Schmerzen, so vorhersehbar und klischeebeladen scheint sie uns zu sein. Unser Highschool-Teenietrupp begibt sich für einen Kurztrip auf eine verschneite Hütte, die – man glaubt es kaum – auf einem mit einem indianischen Fluch belegten Berg steht. Zuträglich ist es da auch nicht unbedingt, dass die Schwestern eines der Protagonisten auf den Tag genau vor einem Jahr spurlos verschwunden sind. Ich weiß, was du letzen Sommer getan hast. Und nicht zu vergessen – das verlassene Irrenhaus, das sich ganz in der Nähe befindet..!

Selbstverständlich lassen die ersten beunruhigenden Ereignisse nicht allzu lange auf sich warten und eine zunächst nicht näher zu bezeichnende Bedrohung ist zu spüren.

Innerlich macht man sich nach dieser aufwendig aufgebauten Klischee-Blase auf den einen, verrückten Axtmörder-Psychotyp gefasst. Am besten noch einer, der von der Cheerleadertante in der 5. Klasse ganz fies abgewiesen wurde und sich nun für all die Schmach eine späte Rache gönnen möchte.

Doch genau an diesem Punkt hat Until Dawn uns dann wirklich kräftig an der Nase herumgeführt. Die naheliegende Idee des einsamen Killers in dunkler Nacht zerschlägt sich schnell und ab diesem Punkt verwandelt sich der scheinbar vorgezeichnete Weg in einen weiten Ozean der Möglichkeiten, in dem wir ohne Kompass treiben.

Das ist – gelinde gesagt – ziemlich gruselig. Ist am Ende vielleicht einer der eigenen Leute…?

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Obwohl natürlich inhaltlich keine Vergleichbarkeit besteht, lässt sich das Gameplay von Until Dawn doch am ehesten mit Life is Strange vergleichen: Größtenteils fühlt sich das Spiel wie ein Film an, in dem wir mitbestimmen dürfen, immer wieder unterbrochen aber von Abschnitten, in denen wir uns mehr als Spieler im klassischen Sinne begreifen dürfen und beispielsweise durch das verlassene Irrenhaus streifen und nach Hinweisen oder ähnlichem suchen.

Durch diesen durchaus ausgewogenen Wechsel zwischen teilnehmen und steuern – teilweise sogar noch gewürzt durch den ein oder anderen Schusswechsel! – kommt absolut keine Langeweile oder ein „Beifahrergefühl“ auf.

Ganz im Gegenteil sogar. Häufig müssen grundlegende Entscheidungen innerhalb von wenigen Augenblicken getroffen werden – im Hinterkopf dabei immer bewusst, dass jeder Charakter sterben kann und dies dann auch eine ziemlich endgültige Angelegenheit ist.

Stichwort „Permadeath“: Potentiell ist es zwar möglich, die Kids alle lebend durch das Spiel zu bekommen, aber sehr wahrscheinlich erscheint diese Möglichkeit eigentlich nicht.

Was bleibt uns also anderes, als unser bestes zu geben? Nicht wahllos auf alles zu schießen, das sich bewegt? Es könnte ja unser Kumpel sein… just saying. Aber lasst euch gesagt sein – jeder Verlust schmerzt, so sehr hängt man schon nach kurzer Zeit an der Besetzung.

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Klingt fast so, als würde man hier tiefgreifende Traumata erleiden… wie praktisch, dass wir zwischen den Kapiteln immer eine kurze Session mit dem Psychologen unseres Vertrauens erleben dürfen! Dieser fragt uns – sehr problemorientiert – über unsere schlimmsten Ängste aus, meist indem wir zwischen zwei Übeln wie etwa räumlicher Enge und totaler Dunkelheit wählen müssen. Ein individuell erhöhter Gruselfaktor ist hier dann der Ehrlichkeit Dank, denn je nachdem wie unsere Antworten ausfallen, verändert sich dann auch das Spiel in seinem weiteren Verlauf.

Ähnliche Einflußnahmemöglichkeiten bietet uns auch der oft zitierte „Schmetterlingseffekt“. Als echter Trend muss das Einbauen dieses schon seit einer ganzen Weile in der Videospielwelt betrachtet werden, doch oft wird hier nur „vorgegaukelt“, dass unsere Entscheidungen weitreichende Auswirkungen auf den Handlungsstrang haben werden, wie z.B. öfters bei den Telltale-Serien zu beobachten ist.

Until Dawn ist hier weitaus radikal und nimmt die Sache ernster. Biegen wir links oder rechts ab? Tja, überlegt’s euch gut, denn nochmal zurückgehen und den anderen Weg abgehen ist nicht drin. Das ständige ENDGÜLTIG Entscheiden setzt uns einerseits zwar ganz schön unter Druck, andererseits gewinnt das Spiel somit unheimlich an Fahrt und der Wiederspielwert steigt ins Unermessliche.

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Dazu trägt unter anderem auch bei, dass die Schreckmomente auch beim zweiten Durchgang nicht wirklich weniger werden. Zwar wissen wir nun ungefähr, was uns erwartet, doch die Jumpscares sind trotzdem immer anders platziert, sodass wir nie wirklich mit der Schnappatmung aufhören können.

Optisch ist Until Dawn ein echtes Sahnestückchen: Nicht nur die Umgebung ist stimmungsvoll inszeniert, auch die Charaktere sind bemerkenswert gut animiert. Hier ist sicherlich zu bedenken, dass hierfür auch namhafte Schauspieler wie Hayden Panettiere in der Rolle der Sam, Brett Dalton, Rami Malek, Meaghan Jette Martin, Summer Bills, Nichole Bloom oder Peter Stormare gemotion-captured wurden – und der Aufwand hat sich beim Betrachten des Endergebnisses wahrlich gelohnt!

Wenn man unbedigt irgendetwas zu meckern finden möchte, dann könnte man vielleicht die Synchro aufführen. Während die Sprache hier aber gar keine wirklichen Probleme bereitet, ist es vielmehr das permanente Gekreische der (weiblichen) Charaktere, das uns mit der Zeit wirklich an den Nerven bzw. repsektive am Trommelfell zerrt.

FAZIT

Until Dawn führt uns gewaltig an der Nase herum. Zu Beginn tun wir das Spiel milde lächelnd als den reinsten Ami-Klischee-Trash ab und vor lauter Überheblichkeit bemerken wir erst sehr spät, dass die flache Storyline ein ganz hinterlistiges Täuschungsmanöver war.

Und dann – ja dann hat uns das Spiel mit einem Mal. Völlig ahnungslos, desorientiert und verängstigt steuern wir unsere Figuren durch die verschneite Umgebung – bis in die Haarspitzen verkrampft und immer mit dem nächsten Schreckmoment rechnend.

Klingt schlimm? Ist es auch! Aber im positivsten Sinne, denn was könnte man sich mehr von einem Horror-Adventure wünschen? Until Dawn macht wirklich alles richtig. Empfehlenswert!


Willst du uns zuschauen, wie wir uns vor Angst in die Hose machen? Dann solltest du das Video hier anschauen. Komm schon, du willst es doch auch…


Meine Wertung

Final Thoughts

Until Dawn führt uns gewaltig an der Nase herum. Zu Beginn tun wir das Spiel milde lächelnd als den reinsten Ami-Klischee-Trash ab und vor lauter Überheblichkeit bemerken wir erst sehr spät, dass die flache Storyline ein ganz hinterlistiges Täuschungsmanöver war. Und dann – ja dann hat uns das Spiel mit einem Mal. Völlig ahnungslos, desorientiert und verängstigt steuern wir unsere Figuren durch die verschneite Umgebung – bis in die Haarspitzen verkrampft und immer mit dem nächsten Schreckmoment rechnend. Klingt schlimm? Ist es auch! Aber im positivsten Sinne, denn was könnte man sich mehr von einem Horror-Adventure wünschen? Until Dawn macht wirklich alles richtig. Empfehlenswert!

Overall Score 4.9 Furchteinflößend
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