sr3 Test

Saints Row 3


Dildoschwerter, Pony-Girls und Burt Reynolds. Geht die Saints Row: The Third (SR3) Rechnung voller abgedrehter Ideen und verrückter Charaktere auf, oder ist das Spiel reinster Grabbeltisch-Bodensatz?

Der Plan war doch eigentlich perfekt. Pappmaschee-Köpfe, frei nach Michael Moore’s Heat, über den Kopf, rein in die Bank und mit dem Tresor durchs Dach wieder raus. Wir haben nur nicht damit gerechnet, dass die Bankangestellten neben dem Alarmknopf auch noch vollautomatische Waffen unter dem Schreibtisch haben und die Polizei direkt mit Kampfhubschraubern anrücken würde. Der Tresor hing schon am Haken und ein gutes Dutzend Kampfhelis fiel brennend vom Himmel, als mich ein unachtsames Manöver vom Tresor in ein benachbartes Gebäude schleuderte. Schwarz. Ich wache in einem Flugzeug auf. Neben mir meine engsten Freunde bei den Saints und vor uns ein faselder Franzose  Belgier. Es geht um irgendein Syndikat und das meine Gang die „Saints“ ab sofort für das Syndikat zu arbeiten haben. Nichts da, ich und meine ebenfalls gefangenen Saints befreien uns, schießen das halbe Flugzeug zu Klump und retten uns mit einem beherzten Sprung aus dem Hecks des Flugzeugs. Dumm nur, dass Shanti keinen Fallschirm hat. Im Sturzflug eile ich an herabfallenden Autos und Kisten mit Gummipuppen(!) vorbei um die hilflose Shanti zu fangen. Nebenbei durchsiebe ich noch ein gutes Dutzend Syndikats-Schergen. Geschafft!

 Hier ist von der Nudistennonne, über Windel-Wrester, tätowierten Transvestiten und bärtigen Bardamen wirklich fast alles möglich.

Shanti segelt in meinen Armen sanft in Richtung Steelport. Doch moment… das brennende Flugzeug macht eine Wende und steuert direkt auf uns zu. Kurzentschlossen lasse ich die Dame fallen, trenne mich vom Fallschirm, zerschieße die Windschutzscheibe des Flugzeugs, fliege DURCH das mittlerweile brennende Flugzeug, erledige weitere Syndikats-Schergen, greife einen weiteren Fallschirm und damit wieder hinten aus dem Flugzeug raus. Jetzt noch schnell einen erneuten Sturzflug zur fleißig fluchenden Shanti und dann.. ja dann habe ich das Intro des Spiels hinter mir.

Waschbrettbäuchige Windel-Wrestler und bärtige barbusige Bardamen

Was für ein Einstieg! Könnte glatt aus meinem Tagebuch abgeschrieben worden sein. Und ich habe dabei den wirklich umfangreichen Charakter-Editor ganz vergessen! Hier ist von der Nudistennonne, über Windel-Wrester, tätowierten Transvestiten und bärtigen Bardamen wirklich fast alles möglich. Soviel Möglichkeiten im Singleplayer kannte man bisher nur von (vermutlich kennt ihr es gar nicht) Die Sims oder dem phänomenal mehrfach gescheiterten APB. Doch leider wurde der Charaktereditor so ungünstig im Spiel platziert, dass ich dringend zum oben genannten Steamdownload raten möchte. Hier dann ganz bequem einen Charakter erstellen, abspeichern und im eigentlichen Spiel fix importieren. Steam ist so oder so Pflicht!

Während der Einstieg mit 5 Espressi am Morgen und anschließendem Dreier mit Sasha Grey und Chuck Norris vergleichbar ist, so ist dann das darauf folgende Spiel erstmal so aufregend wie ein Bibelnachmittag im Gemeindehaus voller alter Schachteln die einem 5 Euro für einen Knutscher zustecken wollen… Die Grafik war auch im Einstieg schon kein Hit, bekommt hier aber noch einen weiteren Dämpfer. Grobgeschnitzte Klone in den Straßen und in mager detailierten Fahrzeugen.  Kaum ein Gebäude kann man betreten, sofern es nicht für die Story wichtig ist oder zum Waffen- bzw Kleidungskauf dient. Und selbst dann gibt es keine nennenswerten Interaktionsmöglichkeiten. Schade, hier wurde eine Chance verpasst, noch ein paar abgedrehte Ideen zu verarbeiten und massiv viel Raum an den Platzhirsch Grand Theft Auto (GTA) verschenkt.

Wand 1 : 0 Controller

Oh, wer von euch bei Volition oder THQ hat die Fahrzeugsteuerung durchgewunken? Ihr dürft mir gern einen neuen Controller schicken. Die Steuerung bei GTA war schon kein Geniestreich, aber im Vergleich zu SR3 würde diese noch als beinharte Simulation durchgehen. Ach, selbst „simpel und arcadelastig“ wäre noch viel zu freundlich. Als Ausgleich ist das eigene Fahrzeug ein ziemlich robuster Rammbock im Vergleich zu den anderen Verkehrsteilnehmern. Ich werte dies mal als absichtlichen Kompromiss. Dagegen lassen sich die Figuren zu Fuß angenehm steuern, die Knarren sind zwar etwas träge, aber dafür angenehm präzise.

Angriff der Klonkrieger

Und wieder wandert ein Euro in die „Star Wars“-Kasse. Anders und treffsicherer lässt sich die Gegnermasse aber nicht beschreiben. Gefühlte zwei Gegnermodelle pro Fraktion (es gibt im Spiel sogar einen erstaunlich lahmen Erklärungsversuch) und dazu eine Hand voll Passanten; fertig sind die NPCs. Denen wird es aber sicher nicht auffallen, denn an einer künstlichen Intelligenz wurde ebenfalls gespart. Dafür sind die wirklich wichtigen Charaktere grandios und deutlich aufwändiger gestaltet (allerdings nicht deutlich intelligenter). Ganz klar, der gemeine NPC ist eben nur Kloppmist und im Dutzend billiger. Soll bedeuten, dass Passanten in der Welt von Saints Row nichts mehr sind als Sandsäcke mit Geld in den Taschen (nur in der Importversion, dazu später mehr) und die Fußsoldaten der Gangs oder Fraktionen nur Munitionsfutter. Im Feuergefecht ist das herzlich egal, aber wenn man mal durch die Straßen Steelports schlendert… moment, dafür gibt es ja leider keinen Grund…

Der Augenlöffel kann in der Schublade bleiben

Ja, Saints Row: The Third ist keine Schönheit. Dafür flimmert alles angenehm schnell über den Schirm. Während es Autowracks regnet und Explosionen euren Bart versengen, bleibt keine Zeit um auf die ganzen einzelnen NPCs zu achten, während diese durch die Gegend geschleudert werden oder brennend im Kreis laufen. Wenn gerade keine Action stattfindet…  ach, eigentlich explodiert ständig etwas und außerhalb der Missionen gibt es nicht viel zu erledigen. Ein „durch die Gegend schlendern und Bars aufmischen“ ist nicht vorgesehen. Es gibt einfach nichts, was man machen könnte. Nur Missionsgebäude oder Läden sind betretbar und ähneln sich zu sehr, um wenigstens alle mal abzuklappern. Auch wenn sich hier Mühe gegeben wurde, der Stadt ein wenig Abwechslung einzuhauchen, scheitert es einfach an der zu geringen Größe der Spielwelt und der nötigen Eigenständigkeit. Zwar braucht man hier auch ein paar Minuten um von der einen Seite zur anderen zu kommen, aber es fühlt sich winzig an. Zudem ist fast jeder Ort in Steelport auswechselbar. Lediglich der Stadtkern mit seinen hohen Wolkenkratzern sticht aus dem Einheitsbrei raus, aber wenn der Flughafen auf dem ersten Blick wie ein 08/15 Industriegebiet mit Flugzeugen aussieht, dann ist irgendetwas schief gelaufen. Diesmal bin ich mal so unendlich gütig und ziehe GTA nicht zum Vergleich ran, aber selbst Panau aus Just Cause 2 hatte hier deutlich mehr Abwechslung, Spielfläche und einzigartige Orte mit hohem Widererkennungswert zu bieten.

Ein Satz heiße Ohren gefällig?

Oh, für die Ohren bietet das Spiel wirklich einiges. Grandiose Sprecher (unter Anderem Hulk Hogan und Sasha Grey!), wuchtige Explosionen, zahlreiche satte Waffensounds. Bis hier hin alles erste Sahne und ziemlich witzig. Allein im Charaktereditor habt ihr für euren Charakter je drei sehr unterschiedliche Männliche und Weibliche Stimme, sowie ein Zombie-Grunzen. Bei den wichtigststen NPCs geben sich Volition ebenfalls keine Blöße. Besonders hervorzuheben wäre da die süffisante Radiomoderatorin von Steelport, welche auf Bild-niveau die jeweils zurückliegende Mission kommentiert und Zimos, der per elektronischer Sprechhilfe und Autotune-Singsang kommuniziert… verstörend lustig. Wenn dann mal nicht gequatscht wird, darf der Soundtrack auf den diversen Radiostationen genossen werden. Hier ist auch für jeden Geschmack was dabei… ein wenig Funk vielleicht? Doch lieber Metal? Klassik? Alles möglich. Sehr schön ist die Möglichkeit aus allen Songs ein eigenes Mixtape zu erstellen.
Aber liebe Freunde bei Volition… was ist denn mit den Motorsounds passiert? Moderne Staubsauger brummen und knurren nicht mehr so laut, als dass sie als Motor durchgehen würden. Statt kernigem Keifen aus dem Motorraum bekommt man bei Saints Row: The Third irgendwie nur ein leises Surren zu hören. Hier ist sicher nur ein Patch nötig.

Leg die Hemmungen ab und mach Urlaub in Steelport

Schließen wir einmal den Kreis zur Einleitung. Objektiv betrachtet ist Saints Row: The Third ziemlich in die Hose gegangen. Schlechte Fahrphysik, unterdurchschnittliche Grafik, durchwachsene Soundkulisse. Schließlich muss ich mir jetzt langsam mal die Frage stellen, ob sich der Kauf von rund 50 € lohnt um nach Steelport zu reisen. Ja, verdammt! Denn, der schwachen Technik steht ein unglaublicher B-Movie Charme gegenüber. SR3 nimmt sich an keiner Stelle ernst und reiht ein B-Movie Zitat (als Kameraperspektive, Dialog oder ganze Szene) an das Nächste. Dazu kommen Ideen und Missionen die kaum noch abgedrehter sein können. Waffen die Gegner in Pixelmatsch zerbersten, ein Auto, das Passanten „einsaugt“ und dann über eine Kanone wieder abfeuert, eine Verfolgungsjagd auf Kutschen die von Pony-Girls gezogen werden (die unter Beschuss explodieren!), ein Dildo-Schwert.. ach fast alles, was man sich jetzt gerade so denkt, ist wohl auch im Spiel eingebaut. Chorknaben und allzu zartbesaitete Seelchen sollten aber besser kein Ticket ziehen und daheim bleiben. Dazu kommen noch die erwähnten top motivierten Sprecher. Im Grunde ist das ganze Spiel wie ein abgedrehter Actionfilm aus den 80er Jahren. Billig produziert, aber voller Charme und Liebe.

Fazit

Selten fiel mir ein Review so schwer wie bei Saints Row: The Third. Nüchtern betrachtet, ist es wirklich ziemlich in die Hose gegangen und stinkt gegen den Platzhirsch der Open World Spiele Grand Theft Auto ab. Aber im Gegensatz zur GTA-Reihe wird hier alles over-the-top inszeniert und veralbert ohne großartig lächerlich zu wirken. Ein umfangreicher gut ausgewählter Soundtrack rundet die Sache noch ab. Wer in der letzten Mission zu „I need a hero“ (Bonnie Tyler) zum Finale brettert und dabei nicht Schmunzeln muss, dem kann ich dann auch nicht mehr helfen. Technik ist eben nicht alles. Der Charme zählt! Deswegen gilt: Wer auf Open-World-Spiele, schamlosen Humor und 80er Jahre Actionfilme steht, darf bedenkenlos zugreifen!

Zensur

Ganz in der Saints Row Tradition kommt auch dieser Teil nicht ohne einige Schnitte nach Deutschland.

• Der „Whored Mode“ im kooperativen Multiplayer ist ersatzlos gestrichen worden. Hier musste man mit seinem Mitspieler gegen immer stärker werdende Gegnerwellen mit vorgegebenen Waffen überstehen. Da die Gegner nicht durch pfiffiges Vorgehen sondern nur durch Masse glänzen, ist dieser Modus kein wirklicher Verlust.

• Der Multiplayermodus ist regional beschränkt. Keine Chance dem ungeliebten Nachbar irgendwo außerhalb von Deutschland mit dem Riesendildo mal zu zeigen… naja es geht einfach nicht. Punkt.

• Skrupellose Gangster aufgepasst: Passanten lassen sich nicht als Schutzschild zweckentfremden. Ebenfalls kann man denen noch so lange in die Eier treten.. es wird niemals Geld regnen. Was aber nicht tragisch ist, denn:

• Die Cops in der deutschen Version sind deutlich aggressiver und aufmerksamer. Frust an Passanten ablassen ist nicht mehr drin. Zebrastreifen missachten und eine alte Dame ein paar hundert Meter auf der Motorhaube mitnehmen ebenfalls nicht. Dies ist tatsächlich der härteste Schnitt und nimmt dem Spiel einiges an Spielspaß!

Sonst fehlt nichts… keine Waffe wurde weg zensiert oder in ihrer Funktion entschärft, keine Mission wird dem deutschen Spieler vorenthalten. Unterm Strich also ein guter Kompromiss. Warum genau diese Zensuren vorgenommen worden, können wir uns bei pwrup! allerdings auch nicht genau erklären.

 

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