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Horror [ˈhɔʀoːɐ̯]


Wenn du nicht unter einem Stein, im dunklen Wald, einer tiefen Höhle oder auf der dunklen Seite des Mondes lebst, dann dürfte Halloween wohl nicht unbemerkt an dir vorbei rauschen. Spätestens wenn Kinder an deiner Haustür klingeln um olle Karnevals-Kamellen abzugreifen, steckst du Mitten drin. Das ist doch der perfekte Zeitpunkt um sich mal mit Horrorspielen zu beschäftigen, oder? Ich stürze mich also direkt auf die Tasten, zig Spiele schwirren mir durch den Kopf… Resident Evil, Dead Space, F.E.A.R. … die Tasten glühen, doch dann kam ich ins grübeln… ist das Horror, wenn Dir eine groteskt verformte Kreatur ins Gesicht springt oder Du mit allerlei Schießprügeln Deine Gegner, besonders ausführlich dargestellt, in mundgerechte Bröckchen ballern kannst? Dunkle Gänge in alten Herrenhäusern? Kleine Mädchen? Clowns? Puppen?

Mal sehen was der Duden dazu zu sagen hat


Horror [ˈhɔʀoːɐ̯]

Substantiv, m

Bedeutungen:
[1] aus Erfahrung geborener Schrecken, Schauder
[2] Zustand, der durch etwas Erschreckendes oder Erschauderndes hervorgerufen wird

Herkunft:
lat. horror, -oris das Starren, Schauder, Grausen, Entsetzen, Sichaufsträuben der Haare, med. Schüttelfrost.
Im 18.Jh. in die deutsche Umgangssprache aufgenommen, vorher nur med. Fachvokabel.

Synonyme:
[1] Abscheu, Widerwille

Aha, wieder etwas schlauer. Na dann wollen wir uns diesem Thema mal etwas vorsichtiger nähern, denn Horror ist ein hauptsächlich leises Stilmittel und lebt von seinen ruhigen Momenten. Damit ist der Horror in seiner reinen Form eine eher scheue Kreatur, die von Krach-Bumm-Effektgewittern verschreckt wird und sich mehr vor expliziten Splatterszenen und Schockmomenten fürchtet, als der Spieler selbst. Dabei bekommen wir doch alle Nase lang sowas mit der Überschrift „Horror“ präsentiert, wenn wieder irgendein Mutant aus einem Lüftungsschacht, Schaufenster oder Schrank springt, wie es in Dead Space, Resident Evil und Silent Hill ausführlich zelebriert wird. In anderen Momenten wird der Horror zum Thriller, wenn mir mal ein unaufhaltsames Monster auf den Fersen ist und mich wie in Amnesia oder Slender gnadenlos verfolgt. Das ist spannend, mir stockt der Atmen, aber Horror ist das leider nicht mehr.


Der Schrecken kann Horror sein

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Sobald dich das Spiel einmal gepackt hat, wirst du die Forschungsstation PATHOS-II nicht mehr so schnell verlassen…[Weiterlesen]

Natürlich… erschreckt werden, kann zum Horror gehören, wenn der Schrecken clever eingefädelt wird. Die meisten „Horror“ Spiele mit Jumpscares am laufenden Band gehören nicht dazu. Natürlich erschrickt man, bekommt eine Gänsehaut und das Herz schlägt bis zum Hals… aber viel besser ist doch der Moment vor dem Schrecken, kurz bevor das Chaos losbricht, oder? Wenn bekannte Regeln und gewohnte Strukturen nicht mehr gültig sind. Regeln die mir das Spiel vielleicht vorher ausführlich einprügelt hat. Nehmen wir mal das relativ neue Soma, von Frictional Games. Besonders eine Szene etwa in der Mitte des Spiels.
Quälend lang bringt mir das Spiel bei: sei möglichst leise, beweg Dich nicht zu schnell und schau auf keinen Fall direkt auf das Monster. Klare Regeln. Das erste Monster bringt dir diese Mechanik durch seine Langsamkeit bei. Missachtung der gelernten Mechaniken werden nicht sofort bestraft. Nach und nach verschärft das Spiel den Lerneffekt… nicht hinschauen und auf keinen Fall schnell bewegen. Je näher dir das Monster auf die Pelle rückt, desto mehr Bildstörungen und Störgeräusche gibt es… und dann… im Moment der Stille bricht plötzlich die Hölle los und du hast keine Wahl mehr außer laufen und immer wieder versuchen das Monster im Blick zu halten, dass dir dicht auf den Fersen ist. Dieser Moment des Schreckens… wenn alles, was du über Stunden hinweg gelernt und verinnerlicht hast, jetzt nicht mehr gilt. Das ist Horror durch Schrecken. Wunderbar.


Das Grauen

Der Schrecken kann manchmal auch zu viel sein… da wäre das Grauen dann eine noch viel viel subtilere Variante des Horrors. Vielleicht ist The Vanishing of Ethan Carter ein gutes Beispiel dafür. Lange Zeit wandere ich im Spiel allein durch den Wald… aber bin ich wirklich allein? Wer hat die Fallen zu Beginn des Spiels aufgestellt und warum? Etwas später im Spiel bekommt meine Spielfigur Visionen von Morden… einer schlimmer als der Nächste. Aber NPCs, die mit mir interagieren, abgesehen von der Stimme aus dem Off, werde ich nicht antreffen. Dennoch scheint jeder Ort im Spiel seltsam belebt zu sein oder erst seit kurzem Verlassen. Werde ich verfolgt oder beobachtet? Langsam aber sicher zeichnet sich ein Bild von dem ab, was passiert ist… aber konkret bekommst du erst im letzten Moment des Spiels eine Lösung präsentiert. Bis dahin passiert das Meiste in der eigenen Fantasie… und die ist meistens grauenvoller, als die Wahrheit.


Das Entsetzen

Die eigene Fantasie ist meistens schlimmer und der größere Horror als die Wirklichkeit. Es braucht eigentlich keine explizit dargestellte Gewalt oder sonst was… das Spiel mit der Fantasie reicht aus. Das vielleicht beste Beispiel dafür ist Valiant Hearts: The Great War. Ein Kriegsspiel in dem der Krieg nicht die Hauptrolle spielt, sondern viel mehr seine Konsequenzen in den Vordergrund gerückt werden. Vollkommen ohne mit dem Finger zu wedeln. Als Spieler bekomme ich den ersten Weltkrieg nur im Hintergrund und durch Notizen mit, bin aber selbst nicht mittendrin. Was passiert bekomme ich sehr wohl mit, aber nicht wie es passiert ist… und sowas ist viel viel schlimmer, als jede dargestellte ultra-brutale Szene sein kann. Der wahre Horror des Krieges spiegelt sich nun mal nicht im Krieg selbst wider, sondern in seinen entsetzlichen Konsequenzen.

Trotzdem kommt bei alledem der Horror- und Survivalaspekt nicht zu kurz, was uns wohlig an die Anfänge von „Resident Evil“ denken lässt.

Zimmy, Resident Evil Revelations

Fassen wir also zusammen. Horror ist immer erst dann Horror, wenn es uns kalt erwischt. Wenn Bekanntes nicht mehr gilt und sich im Idealfall gegen uns wendet. Deswegen funktioniert Horror auch selten in Spielen. Damit meine ich nicht, dass man sich in Spielen nicht erschrecken kann… im Gegenteil… viele Entwickler haben es verstanden, einen effektiven Jumpscare an den nächsten zu hängen. Aber genau da liegt für mich der Hund begraben. Ein Jumpscare ist für mich kein Horror… eher der Moment davor, in dem ich schon ahnen kann, dass gleich was passiert… oder passieren könnte. Werden diese Momente aber zu oft zelebriert, geht der Horror für mich verloren. Outlast ist nach dem drölfsten Monster, dass dir ins Gesicht springt, kein Horrorspiel mehr. The Evil Within geht da, trotz einiger Defizite noch am ehesten als Action-Horrorspiel durch. Immer wenn sich die Situation und das Setting verändert und einen abgedrehten Alptraum an den nächsten hängt, entsteht für mich sowas wie Horror… ich muss mich anpassen, weiß nicht was und wann es mich erwartet. Tolle Momente. Aber all dies macht die genannten Spiele nicht schlecht. Auf keinen Fall, aber bilde dir nicht ein, dass es sich hier um Horror handelt. Abschließend sei noch gesagt, dass fast alle genannten Titel eines gemeinsam haben. Sie wurden so gestaltet, das du als Spieler immer noch übermächtig bleibst und jede Situation zu deinen Gunsten bewältigen kannst. Wenn du Horror willst, dann spiele etwas wie Soma oder das kommende Allison Road und erlebe guten Horror, wenn du deinem Gegner (was auch immer er/sie/es ist) unterlegen bist. Alternativ machst du die Kiste aus und schnappst dir ein Buch. Stephen Kings „Shining“ oder „Es“ zum Beispiel. DAS ist Horror.

Jetzt weisst Du, was ich unter Horror verstehe. Wie schauts bei Dir aus? Was verstehst Du unter „Horror“? Welches ist Dein Lieblings-Horrorspiel?

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1 Kommentar zu Horror [ˈhɔʀoːɐ̯]

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