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Mein Freund Dahmer


Serienkiller und ihre Verbrechen üben eine morbide Faszination auf uns aus. Umso grausiger und detailreicher die Schilderung ihrer Schandtaten, umso interessanter ist es für uns – das ist schlichtweg der kleine Voyeurist, der jedem Menschen inne wohnt; bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger ausgeprägt.

Deshalb sind Bücher, Filme oder sonstige Medien, die sich mit der Serienkillerthematik befassen, in der Regel sehr explizit in der Darstellung der Taten und der Täter wird gerne zum ultimativen Bösen hochstilisiert. Da geht es nicht um menschliche Abgründe, da geht es um den Grand Canyon der Unmoral und Verdorbenheit. Die Superlative ist es nämlich, die Umsatz macht. Doch dass das Porträt eines Serienkillers nicht immer zwingend eine reißerische Schauergeschichte sein muss, beweist uns der bekannte amerikanische Cartoonist Derf Backderf mit seiner seit dem 12. April diesen Jahres auch auf Deutsch erhältlichen Graphic Novel „Mein Freund Dahmer“.

Und der Titel weißt auch direkt daraufhin, dass hier nicht nur recherchiert wurde – nein, Derf hatte das Vergnügen, gemeinsam mit Jeffrey Dahmer die Schule zu besuchen, was ihm natürlich einen ganz anderen Blickwinkel auf das Geschehen beschert. Derf erlebte Dahmer zunächst als gewöhnlichen Mitschüler, dessen „Karriere“ zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorherzusehen war. Wobei…ein bisschen seltsam war er ja schon, der gute Jeff.

Die Ursprungsversion von „Mein Freund Dahmer“ wurde 2002 als nur 24 seitiger Comic im Selbstverlag veröffentlicht und wurde prompt für den Eisner Award nominiert. Motiviert durch den Zuspruch machte Derf sich daran, das Ganze als umfassendere Graphic Novel noch einmal neu aufzulegen und nach der Sichtung vieler Interviews und dem intensiven Betreiben von Recherche schuf er dann das in Amerika bereits im Vorjahr erschienene 232-Seiten-Werk.

Natürlich ist es aber nicht bloß die fundierte Recherchearbeit, die “Mein Freund Dahmer” so lesenwert macht – es sind vor allem die persönlichen Erinnerungen und Anekdoten, die dem später dämonisierten Dahmer Tiefe verleihen. Die Graphic Novel führt uns zurück in Derfs und Dahmers gemeinsame Highschool-Zeit mit all ihren mehr oder minder typischen Höhen und Tiefen – der „Dahmer-Club“, wie Derf und seine Freunde sich scherzhaft nannten, erlebte die gewöhnliche Ödnis einer Jugend in einem dünn besiedelten Örtchen irgendwo in Ohio, während Dahmer mit ganz anderen Problemen zu kämpfen hatte: Die psychische Erkrankung seiner Mutter, letztlich die Scheidung der Eltern und das auf sich allein gestellt sein schlagen tiefe Kerben in die ohnehin recht labile Psyche des jungen Jeffrey. Nicht gerade nützlich ist es da, dass seine größte Leidenschaft im Sammeln und anschließenden Sezieren überfahrener Tiere liegt. Ein Interesse, das sich bald noch auf mehr als nur bereits tote Tiere ausweiten würde…

Trotzdem vermittelt „Mein Freund Dahmer“ uns zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass alles ach so vorhersehbar gewesen sei – im Grunde genommen hatte jeder früher irgendeinen Klassenkameraden, der einfach ein bisschen sonderbar war, oder nicht? Die sitzen ja auch nicht alle im Gefängnis, sondern sind heute vielleicht richtig erfolgreiche Börsenmakler. Fraglich nur, was davon nun schlimmer wäre.

Trotz seiner seltsamen Obsession lernen wir auch die humoristische Seite an Dahmer kennen

Trotz seiner seltsamen Obsession lernen wir auch die (nicht zu unterschätzende!) humoristische Seite an Dahmer kennen. Obwohl er sicherlich den Status eines Sonderlings hatte, konnte er doch zeitweilen den Entertainer mimen: Egal ob auf dem Schulflur oder in einer gut besuchten Einkaufsmeile – Jeffrey täuschte gelegentlich zur bloßen Unterhaltung spastische Anfälle oder plötzliche allergische Reaktionen vor. Sicher, dumme Teenagerspäße – trotzdem war Dahmer offensichtlich fähig, sich durch seine Scherze eine gewisse Zuschauerschaft zu kultivieren.

Nichts desto trotz ist die von Dahmer ausgehende Traurigkeit irgendwie fast greifbar – Derfs charakteristischer Zeichenstil trägt ungemein viel zu diesem Gefühl bei: Die simpel gehaltenen, mit starken Linien gezeichneten Figuren vermitteln uns trotz ihrer Schlichtheit eine Bandbreite an Gefühlsregungen und so kommen gerade die Momente, in denen Dahmer mit sich und seiner inneren Zerissenheit allein ist, größtenteils sogar ganz ohne Gedankenblasen aus. Darin liegt unter anderem eine große Qualität von „Mein Freund Dahmer“, die Comics heute leider immer mehr verloren geht: Die Fähigkeit, auch ohne übermäßig viel Text eine Geschichte erzählen zu können.

Dabei ist die komplette Graphic Novel keine gruselige Anekdote, sondern vielmehr eine Erzählung aus der Jugend des Autors mit Fokus auf den seltsamsten Typen aus seinem Bekanntenkreis. Der nun leider einer der bekanntesten Serienkiller aller Zeiten werden sollte.

Wer offen zu seinem Interesse an morbiden Themen stehen kann, der sollte sich „Mein Freund Dahmer“ auf jeden Fall kaufen gehen. Wer das nicht kann, der sollte es sich online bestellen – bekommt ja dann keiner mit.

 


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