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Unfriend


Seit etwa 2-3 Jahren scheint es in der Hölle irgendwie zur Pflicht geworden zu sein, dass alle Poltergeisterneuankömmlinge einen Kurs zum Thema neue Medien absolvieren müssen. Blöderweise scheiterten bisher alle an der Erkenntnis, dass eingeschriebenes „Buh!“ samt passendem Geister Emoji weniger furchteinflößend wirkt, als die fließenden Blutseen vergangener Generationen. Der neueste Vertreter dieser Gruppe hört auf den Namen Unfriend und schickt sich aktuell an, der Klassenprimus zu werden.

Tatsächlich bin ich trotz größter anfänglicher Skepsis ziemlich begeistert und hab mal wieder gemerkt, wie sehr einem schon wenige Pressemeldungen im Vorfeld ein falsches Bild vermitteln können. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber bei mir sorgen Worte wie Cyberthriller dafür, dass mir südliche Regionen akut zusammen schrumpfen. Als ich dann noch lesen musste, im Begriff zu sein, mir einen Film im Fahrwasser von Unknown User anzusehen, war’s bei mir eigentlich schon ganz vorbei, da dieser Streifen bei mir ein tiefes Bedürfnis danach weckte dem Regisseur, allen Darstellern und sämtlichen Beteiligten für meine gestohlene Lebenszeit und deren Dreistigkeit, dafür auch noch Geld zu verlangen ordentlich eine rein zu hauen.

Umso überraschter war ich, einen Film zu sehen, der im besten Sinne als altmodischer Gruselstreifen daherkam. Etwas, dass man sich vor etwa 10-15 Jahren in der Videothek ausgeliehen hätte für einen Horrorabend mit der Angebeteten, in der Hoffnung, dass sie erschrocken zu einem springt. Für diesen Zweck eignet sich Unfriend nämlich ausgezeichnet. Auch wenn man hier nichts Neues bekommt und die klassische Jumpscare-Geisterbahn fährt, sitzen eben jene Jumpscares so bombenfest wie eine Schraubzwinge und man kommt nicht umhin zu zucken. De Facto hat es einen Kollegen neben mir sogar einmal fast aus seinem Sitz gerissen und ich konnte eine überdurchschnittlich hohe Frequenz an Toilettengängen bemerken.

Dabei beginnt alles so harmlos und könnte eigentlich auch der Beginn eines Buddy Movies auf dem Disney Chanel sein; die hübsche und beliebte Studentin Laura (Alycia Debnam-Carey) beschließt, der seltsamen Außenseiterin Marina (Liesl Ahlers) ihre Freundschaft anzubieten, was jene allerdings schnell zur Obsession und schließlich in den Selbstmord treibt, womit wir auch am Ende aller Disneyparallelen wären. Was danach folgt fühlt sich an wie eine angenehm finstere Mischung aus Düstere Legenden und Blair Witch Project.

Wenn sich Unfriend schon gefallen lassen muss, in einem Atemzug mit Unknown User genannt zu werden, kann ich auch gleich anhand dessen sagen, was ihn im Vergleich um so viel besser macht. Während es bei letzterem lediglich darum geht, einem Haufen Teens, deren Sympathielevel von „Is mir egal“ bis „Großer Gott, bitte stirb endlich!“ reicht, dabei zuzusehen, wie sie sich gegenseitig bei Skype anzicken und einer nach dem anderen vor der Cam ins Gras beißt, nutzt man bei Unfriend den ganzen Internetquark nur als Aufhänger um seine Geschichte drumherum zu weben. Ausgerechnet der deutsche Regisseur Simon Verhoeven, schuldig für Männerherzen und Mädchen Mädchen 2, schafft es hier als erstes eine unheimliche Grundstimmung ins 21. Jahrhundert zu hieven und toppt damit alles andere an Internethorrorversuchen, grade weil man sich auf klassische Tugenden besinnt. Dazu kommt ein überragender Score, der ebenso wuchtig wie eindringlich dröhnt und garantiert bald in meinem CD-Regal landet. Stilistisch gibt man sich keine Blöße und wirkt zu jederzeit sicher und souverän. Dies gilt auch für alle beteiligten Darsteller. Man setzt auf unbekannte Gesichter, von denen aber keiner sauer aufstößt. Das einzige Minus, dass ich aussprechen muss, besteht darin, dass man im letzten Drittel die bisherige Dichte einem Spurt zum Finale opfert, was ich aber locker verschmerzen kann, da zu diesem Zeitpunkt schon mehr als ein Herzschlag zum Aussetzen kam. Gorehounds dürften noch bemängeln, dass zu wenig Körperinneres nach außen gekehrt wird. Das soll nicht heißen, der Film wäre Gewaltfrei, aber wenn’s blutig wird, geht man doch eher punktiert vor, statt die Leinwand voll zu schmoddern.

Fazit

Wer’s bisher noch nicht gemerkt hat; ich finde Unfriend richtig gut. Ich fürchte nur, dass die wenigsten diesem kleinen Juwel nach Unknown User noch Beachtung schenken werden und er an den Kinokassen untergehen wird. Dabei liefert man hier alles, was ein moderner Horrorfilm bieten sollte und außerdem ideales First Date Material. Alle, denen die Atmosphäre der ganzen Schauerstreifen der frühen 2000er fehlt, werden hier bestens bedient. Schnappt euch euer Mädchen, präpariert eure starke Schulter und dankt mir später.

(Vielen Dank an Nicky Ramone für diese Filmkritik)


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