the visit pwrup Filmkritik

The Visit


Wer hätte gedacht, dass ein harmloser Familienbesuch bei Oma und Opa zu einem Psychotrip werden könnte…

Aber von vorne: Eine alleinerziehende zweifache Mutter hatte 15 Jahre lang keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern gehabt. Dies änderte sich schlagartig, als sich eines Tages ihre Eltern melden, weil sie gerne mal ihre Enkel kennenlernen möchten. Die Mutter stellt ihren Kindern daraufhin frei, ob sie ihre Großeltern auf dem Land besuchen wollen, diese sind von der Idee absolut begeistert. Also Koffer gepackt, Kamera eingesteckt und ab geht’s nach Pennsylvania aufs Land. Dort angekommen, verbringen Becca, die unbedingt einen Dokumentarfilm über den einwöchigen Trip drehen möchte, und ihr Bruder Tyler, der sich als Amateur-Rapper versucht, zunächst einen harmonischen und spaßigen Tag. Alles schön und gut, bis auf eine Sache: Nach 21.30 Uhr dürfen die Zimmer nicht mehr verlassen werden. Feierabend. Dies lässt die beiden Kinder etwas stutzig werden. Aber auch sonst scheint nicht alles so friedlich zu sein wie anfangs gedacht: merkwürdige Geräusche bei Nacht, sonderbares Verhalten der Großmutter und auch der ach so liebe Großvater scheint von Tag zu Tag immer unheimlicher und bedrohlicher zu werden. Becca und Tyler sind sich sicher: Oma und Opa vertuschen irgendwas. Je mehr die Kinder versuchen dem Geheimnis auf der Spur zu kommen, umso mehr zeigt sich: Dieser Familienbesuch wird ein Horrortrip.

Filmregisseur M. Night Shyamalan (unter anderem bekannt für „Unbreakable“, „The Sixth Sense“ und „The Village“) hat diesen Psychofilm aus eigener Tasche und ohne Studiounterstützung finanziert. Ein Risiko, welches sich aber am Ende voll ausgezahlt hat. Wie schon bei anderen Filmen wie „The Village“ oder „The Sign“ konzentriert  sich Shyamalan immer auf das nötigste und schafft es auch hier mit einfachen Mitteln die Zuschauer zu schocken. Zugegeben, an die ruhige, man kann schon fast sagen „familientaugliche“ Herangehensweise muss man sich erst einmal gewöhnen, am Ende jedoch wird man mit einem Shyamalan-typischen Twist belohnt, der sich wirklich gewaschen hat und den Zuschauer wirklich einen kleinen Schauder verpassen wird. Generell: Es sind nicht wirklich viele Schockmomente dabei und ab und an wird man ein wenig schmunzeln, aber genau diese kleinen Schockmomente sind dann umso überraschender und effektvoller. Hier zeigt sich: Weniger ist halt manchmal mehr.

Die Kameraführung ist ganz ok. Ab und an hat man es mit „Blair Witch-Typischen“-Aufnahmen zu tun (bis heute sehr umstritten bei Filmfreunden), die allerdings nicht weiter stören, im Gegenteil: In Gegensatz zu manch anderen Vertretern dieser Filmart sind die Bilder angenehm zu schauen und kommen wenig gekünstelt, sondern recht authentisch rüber. Auch, wie man es geschafft hat einfache und dennoch verstörende Bilder einzufangen, ist hier wirklich solide gelungen. Insgesamt wurde hier also handwerklich gute Arbeit geleistet. Selbiges gilt für den Einsatz der Musik. Nicht viele Musikstücke werden eingesetzt, dafür aber umso effektiver und passend.

Auch, wenn sich alles die ganze Zeit nur um die zwei Kinder und deren Großeltern dreht, den Schauspielern gelingt es von Anfang bis Ende zu unterhalten. Während Ed Oxenbould und Olivia DeJonge ein starkes, glaubwürdiges Geschwisterpärchen spielen und sich prima ergänzen, überzeugen Peter McRobbie und Deanna Dunagan als mysteriöses Rentnerpaar. Vor allem Deanna Dunagan sollte an dieser Stelle hoch gelobt werden. Die Art und Weise, wie sie die geisteskranke Großmutter verkörpert, ist erste Sahne. Glaubwürdig, unberechenbar, verstörend. Ganz ehrlich, so einer Person möchte ich nicht Nachts begegnen. Schauder!

Rundherum ist The Visit ein ziemlich gutes Beispiel dafür, wie das Found Footage-Genre heutzutage immer noch funktionieren kann, ohne dabei billig und ausgelutscht rüber zu kommen. Einfacher, aber dennoch guter Plot, subtile Drohatmosphäre, paar Schreckmomente hier, einen schockierenden Twist da, gute bis sehr gute Schauspieler, handwerklich gute Arbeit: ja, genau so macht man das. Kein Must Have oder Must Seen, aber definitiv ein sehenswertes, gelungenes Experiment. Lieber Herr Shyamalan, bitte weiter so.


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