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Captain America: Civil War (spoilerfrei)


Ich rutsche etwas unruhig auf meinem Kinosessel hin und her… der Saal wird dunkel… jeden Moment beginnt Captain America: Civil War (hier als The First Avenger: Civil War im Kino). Vor fast einem Monat habe ich in genau diesem Saal Batman V Superman: Dawn of Justice gesehen. Eigentlich habe ich eine Story rund um diese beiden berühmten Superhelden für ein todsicheres Ding gehalten… wie begeistert ich anschließend war, kannst du in meiner Kritik zum Film nachlesen. Jetzt sind die Helden aus dem Marvel Universum dran und ganz unähnlich zu Batman V Superman ist die Ausgangslage in Civil War nicht.

Wer passt auf die Avengers auf?

In den letzten Abenteuern, genauer in The Avengers, Age of Ultron und The Winter Soldier, haben es die Marvel Helden ordentlich krachen lassen. New York, Washington, Sokovia… um nur ein paar Städte zu nennen, in denen  ordentlich aufgeräumt wurde. Allerdings offenbar nur sprichwörtlich, wie US Außenminister Thaddeus Ross (William Hurt) gegenüber den Avengers feststellt. Denn nachdem die Helden ihre Arbeit erledigt hatten und anschließend lecker Schawarma essen gegangen sind, mussten andere hinter ihnen aufräumen. Von den zahlreichen Toten, während der Schlacht, ganz zu schweigen. Das bei einem spektakulären Einsatz in Lagos (Nigeria) von Captain America (Chris Evans), Falcon (Anthony Mackie), Scarlet Witch (Elizabeth Olsen) und Black Widow (Scarlett Johansson) gegen den Schurken Crossbones (Frank Grillo), eine Explosion ungünstig in ein Hochhaus „umgeleitet“ wurde, macht die prekäre Situation nicht gerade einfacher. Ein Abkommen muss her, das die Avengers fortan unter die Kontrolle der Vereinten Nationen stellt. Während Tony Stark / Iron Man (Robert Downey Jr.) aus ganz persönlichen Gründen, sowie The Vision (Paul Bettany) und Natasha Romanov / Black Widow prinzipiell für ein solches Abkommen sind, stellen sich die am letzten Einsatz beteiligten Superhelden erstmal quer. Besonders Captain America möchte nicht, dass die Kräfte der Avengers von einem Ausschuss oder irgendwem kontrolliert werden. Seine jüngsten Erfahrungen mit Hydra und S.H.I.E.L.D. sprechen für diesen Standpunkt. Doch dieses Abkommen ist bereits beschlossene Sache und jeder Held der seine Unterschrift verweigert, wird automatisch in den Ruhestand versetzt.
Als wäre die Situation nicht schon geladen genug, gibt es einen Anschlag am Tag der Unterschrift in Wien bei dem einige Vertreter der Vereinten Nationen sterben. Der Schuldige ist durch ein Überwachungsvideo schnell ausgemacht: Bucky Barnes aka Winter Soldier. Jetzt muss sich Captain America entscheiden: macht er sich auf die Suche nach seinem alten Freund, so stellt er sich nicht nur gegen das Abkommen, sondern auch gegen einige seiner besten Freunde…

Kurve bekommen

Die Regie-Brüder Anthony und Joe Russo haben sich zusammen mit dem Autoren-Duo Christopher Markus und Stephen McFreely ein ziemlich großes Ding vorgenommen. Mehr Superhelden als im letzten Avengers Streifen, gleichzeitig aus den Fehlern von Joss Whedon lernen, fast allen Helden einen sinnvollen Platz in der Story geben, den Konflikt zwischen Iron Man und Captain America verständlich ausarbeiten UND aus der ganzen Kiste dann auch noch einen Captain America Streifen machen… der nur 2 Stunden und 26 Minuten geht. Daran sind schon Andere in der jüngsten Superhelden-Kino-Geschichte gescheitert *hust* …
Aber keine Sorge… ich mach es kurz und sage dir, dass es dem Team gelungen ist. Nicht nur, dass Iron Man und Captain America nachvollziehbare Gründe für ihre Entscheidungen haben, sondern auch, dass alle Superhelden im Film einen sinnvollen Platz haben. Ohne Larifari oder großartige Längen werden die Positionen der einzelnen Avengers herausgearbeitet. Obwohl die einzelnen Motive dabei sehr unterschiedlich und oft von persönlichen Erfahrungen geprägt sind, bleiben sie immer nachvollziehbar. Aber dabei hört es nicht auf. Reduziert man die beiden Ansichten zum Abkommen auf Team Captain und Team Iron Man, so gibt es keine richtige Seite.

Civil War nach dem Abspann

Ohne groß zu spoilern, wird dieser Konflikt auch nach dem Abspann für dich als Zuschauer nicht vollständig aufgelöst. Richte dich also auf Gesprächsstoff im Freundeskreis ein. Staatliche Kontrolle der Helden und ihre Einsatzgebiete, um weitere Begleitschäden einzuschränken oder Unabhängigkeit im Handeln, um schnell auf Bedrohungen zu reagieren? Du tendierst hier sicher eher zu zweiter Meinung und damit zu der von Captain America? Nun, dann ist die Frage, ob es so clever ist, dass ein Amerikanischer Superheld irgendwo auf der Welt Selbstjustiz jenseits aller Regeln ausübt. Da ist die staatliche Kontrolle und Instrumentalisierung der Avengers gleich viel besser… immerhin ist man dann immer auf der sicheren Seite, sofern sich die 117 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen auf den Einsatz einigen können… nee Moment… auch irgendwie nicht cool. Im Verlauf der Geschichte könntest du dich dabei erwischen, dass du immer wieder zwischen den Stühlen stehst. Aber es geht ja nicht nur um den Konflikt innerhalb der Avengers, sondern auch um die Hatz auf den Winter Soldier. Während Team Captain America an der Schuld des Winter Soldiers zweifelt und die Wahrheit um jeden Preis herausfinden möchte, setzt Team Iron Man alles daran diese Bedrohung ein für alle Mal auszuschalten. Hilfe bekommt Iron Man durch den mysteriösen Black Panther (Chadwick Boseman), der nochmal einen ganz privaten Grund hat um den Winter Soldier zu töten.

Nichts ist wie es scheint

Allerdings ist der Konflikt innerhalb der Avengers nur ein Teil der ganzen Geschichte. Wie gesagt, es handelt sich weder um einen neuen Avengers Kinofilm noch um ein Avengers 2,5, sondern um den Waschechten dritten und abschließenden Teil der Captain America Trilogie. Schon The Winter Soldier, war weniger ein reiner Superhelden Actionfilm, sondern mehr ein spannender Polit-Thriller mit Superhelden. Die Gebrüder Russo geben ihrem Civil War dieses mal wieder einen Anstrich, der nicht so recht zu einem Popcorn-Haudrauf-Actioner passen möchte. Vielmehr fühlt sich der Film wie ein Spionage-Thriller an und gibt somit dem Bösewicht, Baron Zemo (Daniel Brühl) viel Zeit um in Ruhe den finalen Konflikt einzufädeln. Gerade Daniel Brühl als kalkulierender und eiskalter Stratege, der nach und nach dafür sorgt, dass sich die Avengers gegenseitig ausschalten, hat mir sehr gut gefallen. Ich muss mir an dieser Stelle wieder auf die Zunge beißen, um nicht mit einem längst überfälligen Vergleich zu diesem anderen verkorksten Superhelden-Film zu ziehen.

Zwölf Helden sollt ihr sein

Tatsächlich haben es mit Captain America, Falcon, Iron Man, Black Widow, Scarlet Witch, The Vision, Winter Soldier, Ant-Man, Black Panther, Spider-Man, Hawkeye und Warmachine ganze zwölf (12) Superhelden aus dem Marvel Kosmos in diesen Film geschafft. Baron Zemo und Crossbones als Gegenspieler, sowie Agent 13 aka Sharon Carter als zwischenzeitlicher Sidekick nicht mitgerechnet! Das ist eine ganze Latte an Helden die hier in 2 1/2 Stunden untergebracht werden wollen. Spätestens nach der ersten Action Sequenz in Lagos wird schnell klar, dass hier keiner die zweite Geige spielt. Die Kamera ist nah an der Action, wenn es nötig ist und hält ansonsten genug Abstand um einen guten Überblick zu bekommen. Die Fähigkeiten der einzelnen Helden sind hier nicht nur zum reinen Selbstzweck eingebaut, sondern ergänzen sich clever. Ein Gefühl, dass ein einzelner Avenger die Sache auch allein hätte bewältigen können, kommt nicht auf… gleichzeitig wirken die einzelnen Helden aber auch nicht hilflos. Beeindruckend inszeniert. Die Sache gipfelt dann in einem Showdown auf dem Leipziger Flughafen, in dem dann von den genannten 12 Helden ALLE ausreichend viel Screentime bekommen um zu zeigen, was sie so drauf haben. Lediglich Ant-Man darf vielleicht ein wenig über sich hinauswachsen.

Neu ist immer besser

Allerdings muss ich hier jetzt die beiden Neuzugänge, Black Panther und Spider-Man, besonders hervorheben.
Black Panter aka Prinz T’Challa wird schon recht früh in die Story eingeführt und macht sich von dort an auf die Jagd nach dem Winter Soldier. Seine agile Art und fast lautlose Art im Kampf erinnert an Black Widow, gibt aber genug eigene Impulse um nicht wie ein Abklatsch zu wirken. Darüberhinaus gibt es auch noch einen kurzen Blick auf T’Challas Heimatland Wakanda. Diese Figur ist wirklich interessant und die Wartezeit bis Black Panthers Soloabenteuer im Februar 2018(!) in die Kino kommt wird hart werden.
Etwas früher bekommen wir das Soloabenteuer der zweiten neuen Figur im Marvel Cinematic Universe: Spider-Man. Disney und Sony, die die Rechte an der Figur Spider-Man haben, konnten sich auf den letzten Drücker noch auf Tom Holland als Schauspieler einigen und den Auftritt im Civil War aushandeln. Das kann man an der Einführung der Figur leider recht deutlich merken, da Tony Stark in dieser Szene entgegen seiner moralischen Einstellung handelt. Völlig frei von allen persönlichen Gründen für seine Einstellung im Civil War spielt Downey Jr. hier seine sympatisch-schnittige Arroganz aus und sorgt so zwar für ein Logikloch, dafür aber immerhin auch für einige Lacher.
Tom Holland, deutlich jünger als alle anderen Spider-Man Darsteller ist mit seiner großen Klappe nicht nur näher an den Comics, als jeder andere Film zuvor, sondern auch noch eines meiner Highlights des Films… obwohl er nur ein paar Minuten Screentime hat und kaum wichtig für die Handlung ist. Sein Solofilm, Spider-Man: Homecoming, ist für Juli 2017 angesetzt.

Fazit

Ich muss mir ja schon auf die Zunge beißen, um nicht immer wieder einen Vergleich zu Batman V Superman zu ziehen. Aber mal ernsthaft: mit welcher Leichtigkeit die Gebrüder Russo hier mit dem Autoren-Duo Markus / McFreely eine spannende Captain America Story in zweieinhalb Stunden erzählen, dabei auch noch zig andere Helden aus dem Marvel Cinematic Universum einbauen und dann auch noch neue Figuren einführen ist fantastisch. Doch das größte Kompliment ist, dass ich mich bis zum Ende des Films und darüber hinaus nicht wirklich auf eine der beiden Seiten schlagen konnte und wollte. Beide Ansichten, primär die von Captain America und Iron Man, werden mit all ihren Vor- und Nachteilen fair beleuchtet. Zwar gibt es storytechnisch immer mal wieder eine Tendenz in eine Richtung, aber das war es auch schon. Dieser Film lädt zu einen entspannten Kinoabend mit anschließender (hitziger) Diskussion ein… lass bitte die Bar stehen.

 


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